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D1) Sozio-politische Entscheidungsprozesse

Professionelle Epistemologien und Integration von Biodiversitätsnahem Wissen in Sozio-politische Entscheidungsprozesse

Michael Pregernig
DoktorandInnen: Ronja Mikoleit (seit 2016) & Manuel John (seit 2019)

Albert-Ludwigs-Universität Frieburg, Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen,
Institut für Umweltsozialwissenschaften und Geographie, Leitung der Professur für Sustainability Governance

Hintergrund

Die Integration wissenschaftlichen Wissens über Disziplinengrenzen hinweg wie auch seine Übersetzung in Praxiskontexte sind oft nicht effektiv. Mögliche Gründe dafür reichen von ineffektiver Kommunikation über unpassende Anreizstrukturen in Wissenschaft und Praxis bis hin zu strategischer Verwendung (und manchmal dem bewussten Vernachlässigen) von Forschungsergebnissen durch die Nutzer. Darüber hinaus können Integrations- und Übertragungsprobleme auf Unterschiede zwischen den professionellen Epistemologien verschiedener Bereiche der Biodiversitätswissenschaft und/oder unterschiedlicher Bereiche in Biodiversitätspolitik und -management zurückzuführen sein.

 

Fragestellungen und Hypothesen

D1 befasst sich mit der übergeordneten Frage, unter welchen Bedingungen bestimmte biodiversitätsbezogene Wissensbestände in unterschiedlichen Entscheidungszusammenhängen aufgegriffen (oder auch geschaffen) werden. D1 baut dabei auf der Hypothese auf, dass es sowohl innerhalb der Biodiversitätswissenschaft als auch in den verschiedenen Bereichen von Biodiversitätspolitik und -management klar unterscheidbare professionelle Epistemologien (Jasanoff 2005) gibt, die einen Einfluss auf Problemdefinitionen, Agenda-Setting wie auch die Entwicklung und Umsetzung von Problemlösungsstrategien haben.

 

Ansatz, Methoden und Verknüpfungen

D1 verwendet einen qualitativ-interpretativen Ansatz, um die spezifischen „Denkstile" (Meyer 2006) zu untersuchen, die in den ConFoBi-relevanten wissenschaftlichen Disziplinen sowie in den verschiedenen, für Entscheidungsprozesse bedeutsamen praktischen Kontexten im weiteren ConFoBi-Umfeld zu finden sind.

Mit Hilfe von Dokumentenanalysen, Experteninterviews und teilnehmender Beobachtung untersucht und vergleicht das Projekt disziplinenspezifische, innerwissenschaftliche Praktiken (u.a. theoretische Grundannahmen, etablierte Methodologien sowie Besonderheiten in der Etablierung und Hierarchisierung wissenschaftlicher Evidenz) wie auch die Modi, durch welche die jeweiligen Disziplinen mit Akteuren außerhalb der Wissenschaft interagieren (u.a. ihre Neigung zu transdisziplinärer Wissensproduktion, die Art, Rechenschaft über ihre Arbeit ablegen, sowie ihre Strategien zur Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft). Es rekonstruiert auch die spezifischen Wissensordnungen einiger idealtypischer Entscheidungsprozesse, bei denen naturschutzrelevante Organisationen (wie Forstunternehmen, Institutionen der öffentlichen Verwaltung und Naturschutzorganisationen) auf Erkenntnisse aus der Biodiversitätsforschung zurückgreifen, um Entscheidungen zu treffen oder sie zu kontextualisieren.

D1 arbeitet mit den Modulen A und B zusammen, um disziplinäre Denkstile zu identifizieren und zu reflektieren, außerdem werden einige der Daten gemeinsam mit C2 erhoben und analysiert.

 

Ergebnisse

In Phase I von ConFoBi richtete Subprojekt D1 seinen Blick „downstream" und untersuchte Wissenskulturen in Waldwirtschaft und Naturschutzpraxis. In ihrem PhD-Projekt erforschte Ronja Mikoleit verschiedene Praxisfelder innerhalb der Forstwirtschaft und des Biodiversitätsschutzes im Wald und nutzte dafür die Waldwirtschaft im Staatswald im südlichen Schwarzwald als spezifischen Kontext für ihre Arbeit.

Das Projekt baute auf der Annahme auf, dass zukünftige naturschutzbezogene Interventionen in forstliches Management in einem guten Verständnis der alltäglichen Arbeitsabläufe der FörsterInnen begründet sein müssen. Daher entwickelte D1 eine ethnographische Forschungsstrategie auf Grundlage von Praxistheorie und Situationsanalyse, die auf den Arbeitsalltag der FörsterInnen inner- und außerhalb des Waldes fokussierte. Zu diesem Zweck führte Ronja Mikoleit teilnehmende Beobachtungen durch, begleitete dafür unterschiedliche PraktikerInnen bei der Arbeit, nahm an professionellen Meetings, Fachtagungen und Schulungen teil und führte Interviews mit verschiedenen Fachleuten durch.

Zusammen mit Bettina Joa (C2) begleitete Ronja Mikoleit außerdem verschiedene Berufsgruppen aus dem forstwirtschaftlichen Kontext bei der Durchführung spezieller Waldbauübungen zur Selektion von Bäumen, den sogenannten „Marteloskopen". Die teilnehmende Beobachtung verschiedener Marteloskop-Übungen und die anschließenden Gruppendiskussionen lieferten interessante Einblicke in professionsspezifische Gruppendynamik und Entscheidungspraktiken. Der analytische Schwerpunkt lag dabei erstens auf der Identifikation typischer Argumentationsstrategien bei der Entscheidungsfindung und im Umgang mit Trade-off-Dynamiken zwischen Naturschutz und Waldnutzung, und zweitens auf der Rolle von Affekten und Materialität im Kontext unterschiedlicher professioneller Praktiken.

Durch die Untersuchung alltäglicher Arbeitspraktiken von FörsterInnen im Südschwarzwald und teilnehmenden Beobachtungen von Marteloskop-Übungen konnte D1 zeigen, dass handlungsrelevantes Wissen weitgehend implizit und nicht-reflexiv bleibt und sich stattdessen durch praktisches Handeln in komplexen Situationen zeigt. Damit entfernte sich D1 vom Modell eines linearen Wissenstransfers und einem Verständnis, das professionelle Entscheidungsfindung ausschließlich in rationalem Denken begründet sieht und hin zu einem fundierteren Verständnis von „practices-as-knowledge".

Während das erste PhD-projekt in D1 mit der Untersuchung der Wissenskulturen von Praktikern seinen analytischen Blick ‚downstream' gerichtet hatte, bewegt sich das zweite PhD-Projekt ‚upstream', indem es sich auf professionelle Epistemologien in den ConFoBi-relevanten wissenschaftlichen Disziplinen konzentriert. Manuel John versteht und untersucht in seinem Dissertationsprojekt die Arbeit von WissenschaftlerInnen als fundiert in spezifischen und unterscheidbaren epistemischen Annahmen. Diese zeigen sich sowohl in theoretischen Rahmenkonzepten und Methoden als auch in den spezifischen Praktiken wissenschaftlichen Arbeitens (im Schreiben wissenschaftlicher Veröffentlichungen, in der Feldarbeit oder im Labor).

Der empirische Schwerpunkt von Manuel Johns Forschung liegt dabei auf dem Forschungsfeld zu Retentionsforstwirtschaft. Fundiert in den Science and Technology Studies (STS) arbeitet er vor allem zu zwei zentralen Hypothesen: Erstens, dass Retentionsforstwirtschaft als Forschungsfeld durch die regionalen und zeitlichen Spezifika ihrer Begründung und Weiterentwicklung sowie durch eine starke Verknüpfung zwischen Forschung und forstlicher Praxis geprägt ist. Diese kontextuellen Merkmale bestimmen mit, wie Forschung durchgeführt wird und welche Arten von anwendbarem Wissen sie hervorbringt; und zweitens, dass sich innerhalb der aktuellen Forschung zu Retention Forestry unterschiedliche disziplinäre Fundierungen finden lassen, die ihrerseits zu unterscheidbaren Forschungsansätzen und Schlussfolgerungen führen.

In einem ersten Schritt wird Manuel John die epistemischen Grundlagen der Retentionsforstwirtschaft nachvollziehen, indem er zentrale wissenschaftliche Publikationen dieses Felds analysiert. Ein wichtiger methodischer Schritt wird darin bestehen, die "Problematisierung" (Callon 1984) zu rekonstruieren, die in diesen Veröffentlichungen vorgenommen wird, d.h. die Art und Weise, auf welche die Autoren das allgemeine Problem (z.B. bzgl. Biodiversitätsverlust, bzgl. spezifischer forstlicher Kontexte...) formulieren, demgegenüber sie die Retentionsforstwirtschaft positionieren und zu dem die ForscherInnen ihren individuellen wissenschaftlichen Beitrag leisten möchten. Zusätzliche Experteninterviews mit einigen der führenden Forscher auf diesem Gebiet sollen anschließend die Ergebnisse validieren und weitere kontextuelle Einblicke liefern.

In einem zweiten Schritt wird sich Manuel John "science in action" zuwenden und gegenwärtige Forschung zu Retentionsforstwirtschaft begleiten. Durch teilnehmende Beobachtung und Interviews wird er der Frage nachgehen, wie sowohl die Tradition der Retentionsforstwirtschaft als auch die individuelle disziplinäre "Sozialisation" der WissenschaftlerInnen das von ihnen produzierte biodiversitätsbezogene Wissen prägen.

Indem es die Produktion von wissenschaftlichem Biodiversitätswissen als in spezifischen Kontexten verankert untersucht, möchte D1 Ursachen für Schwierigkeiten bei der Integration dieses Wissens und seiner Übersetzung in die Praxis aufzeigen. Durch die Zusammenarbeit mit anderen Teilprojekten in ConFoBi sollen die in D1 gewonnenen Erkenntnisse dazu beitragen, Naturschutzforschung besser auf eine effektive Umsetzung in der Forstpraxis auszurichten.

 

Perspektiven

Während die Rekonstruktion von professionellen Epistemologien in Phase I von ConFoBi noch keinen direkten Bezug auf spezifische wissenschaftliche Erkenntnisse aus den A- und B-Projekten nehmen konnte (hauptsächlich weil solche anwendbaren Erkenntnisse aus den A- und B-Projekten noch nicht verfügbar waren), möchte D1 diese Lücke in Phase II auf zwei Ebenen schließen:

  1. Praktiken der Wissensintegration: D1 wird zusammen mit den A- und B-Projekten und in Zusammenarbeit mit Praktikern aus verschiedenen Organisationsbereichen spezifische forstliche und/oder Naturschutzarbeitspraktiken identifizieren und analysieren, für die konkrete Erkenntnisse aus der Arbeit innerhalb von ConFoBi relevant sein könnten. Durch die Analyse der "Übersetzungsarbeit", die in diesen Kontexten geleistet wird, möchte D1 zeigen, wie spezifische professionelle Epistemologien (in Wissenschaft und Praxis) die Effektivität unterschiedlicher Ansätze der interdisziplinären Integration und des Wissenstransfers beeinflussen und prägen.
  2. Praktiken wissenschaftlicher Modellierung: Als Teil der abschließenden Synthesephase plant ConFoBi die Entwicklung und Anwendung von Modellierungsansätzen, um Wissen disziplinenübergreifend und in Managementkontexte zu integrieren. Während die A-, B- und C-Projekte diese Modelle entwickeln und 'füttern' sollen, wird D1 konzeptionelle Werkzeuge und empirische Erkenntnisse zu der Frage liefern, was mit „Modellierung" zur Wissensintegration überhaupt gemeint ist und welche erkenntnistheoretischen Praktiken damit verbunden sind. Während sich D2 auf Daten als den Inhalten von Modellen konzentriert, interessiert sich D1 für die Prozesse, die der Entwicklung und Anwendung von Modellen zugrunde liegen. Es baut auf der Hypothese auf, dass Modellierungen spezifische Ansprüche in Bezug auf Harmonisierung (von Forschungsperspektiven, Prioritäten und konzeptionellen Rahmenbedingungen) und Standardisierung (von Methoden, Datenformaten und Forschungsstandorten) stellen; gleichzeitig eröffnen sie Möglichkeiten für Austausch, Koordinierung und Vernetzung über Disziplinen hinweg und zwischen Forschung und den Praxisbereichen, in denen sie angewendet wird.

Mit seinem Fokus auf Wissenschaft und Politik/Praxis erfüllt D1 eine wichtige Brückenfunktion innerhalb von ConFoBi (insbesondere für dessen Synthesephase) und legt den Grundstein für eine angewandte Operationalisierung des translationalen Ansatzes in Naturschutzwissenschaft und -praxis.

D1 arbeitet mit den Modulen A, B und C bei der Identifizierung von Modellierungspraktiken für Fallstudien zusammen und mit D2 in einer kritischen Gegenüberstellung von Überlegungen zur „Modellierung" aus einer inhaltsbezogenen (D2) und einer prozessbezogenen (D1) Perspektive.