Sie sind hier: Startseite Projekte C2) Lokales Wissen

C2) Lokales Wissen

Die Bedeutung lokalen Wissens für den Erhalt der Waldbiodiversität

Ulrich Schraml 1, Georg Winkel 2 & Daniela Kleinschmit 3,4
DoktorandInnen: Bettina Joa 5 (2016 - 2020) & Philipp Mack 6 (seit 2019)

1 Forstliche Versuchsanstalt Baden-Württemberg (FVA), Direktor

2 European Forest Institute, Resilience Programme, EFI Bonn

3 Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Fakultät Umwelt und Natürliche Ressourcen, Institut für Forstwissenschaft,
Professur für Forst- und Umweltpolitik

4 Daniela Kleinschmitt ist ab 2021 als zukünftige PI in ConFoBi vorgesehen (DFG Entscheidung bevorstehend) 

5 Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)

6 Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Fakultät Umwelt und Natürliche Ressourcen, Institut für Forstwissenschaft,
Professur für Wildtierökologie und -management

Hintergrund

Die Umsetzung der Maßnahmen zum Erreichen der Biodiversitätsziele erfolgt auf bewirtschafteten Waldflächen durch die verantwortlichen Forstpraktiker*innen unterschiedlicher Eigentumsverhältnisse (private Waldbesitzer*innen und ihre Angestellten, Revierleiter*innen und Förster*innen staatlicher und kommunaler Forstbetriebe, Auftragnehmer*innen). Bei der Umsetzung der Maßnahmen kommt es für Forstpraktiker*innen häufig zu einem Abwägungsprozess in dem sie zwischen den verschiedenen Funktionen des Waldes priorisieren müssen.

Sozialwissenschaftliche Studien belegen, dass (forstwirtschaftliche) Praktiken dabei durch ein komplexes Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren geprägt sind. Einstellungen der handelnden forstlichen Akteur*innen (Privatwaldeigentümer*innen und Förster*innen aus der Verwaltung) waren bereits mehrfach Gegenstand von Untersuchungen. Systematische Analysen zu anderen Faktoren, die den einem Abwägungsprozess beeinflussen wurden jedoch vernachlässigt. C2 liefert einen wichtigen Beitrag zu verschiedenen Faktoren mit Einfluss auf forstliche Praktiken. Dazu gehören das lokale Wissen, die gesellschaftlichen Diskurse und die Netzwerke der handelnden Akteure.

Die aktuellen Herausforderungen des Waldes wie Trockenheit und Borkenkäferbefall lassen Konflikte um die Waldbewirtschaftung deutlich aufscheinen. Die Frage des Biodiversitätserhalts steht dabei ebenfalls im Fokus und bietet damit eine besonders ergiebige Analysesituation hinsichtlich der Bedeutung von (lokalem) Wissen, Diskursen aber auch Netzwerken.

 

Fragestellungen und Hypothesen

C2 beschäftigt sich mit der Implementierung von biodiversitätserhaltenden Maßnahmen durch Forstpraktiker*innen. In Anlehnung an die Gesamtstruktur von ConFoBi teilt sich auch das Projekt C2 in zwei Phasen und drei PhD Projekte auf. Die erste Phase fokussiert auf die Beschreibung von lokalem Wissen, dessen Entstehung und Umsetzung in die Praxis. Die zweite Phase ergänzt die Frage nach der Entstehung des Wissens durch die Akteurs-Netzwerke der Implementierung. Ziel der zweiten Phase ist es zudem, gewonnenes Wissen mit anderen ConFoBi Projekten in einem interdisziplinären Austausch zu integrieren. Die drei PhD Projekte sind dabei aufeinander abgestimmt, um den Übergang der Phasen zu ermöglichen.

Das erste PhD Projekt stützt sich auf das Konzept des lokalen Wissens im Zusammenhang mit Werten, sozialen Institutionen und Managementpraktiken, die eng mit dem lokalen Kontext der Forstpraktiker*innen verknüpft sind. Folgende Fragestellungen werden dabei bearbeitet:

  • Wie lässt sich das lokale ökologische Wissen von Forstpraktiker*innen charakterisieren?
  • Wie setzen Forstpraktiker*innen ihr lokales ökologisches Wissen in die Praxis um?
  • Was bedeutet dies für die Umsetzung von Naturschutzzielen in der Waldbewirtschaftung?

 

Aufgrund der aktuellen Herausforderungen für die Bewirtschaftung des Waldes durch Trockenheit und Borkenkäferbefall und den damit einhergehenden Unsicherheiten, fokussiert sich das zweite PhD Projekt auf gesellschaftliche Diskurse und ihren Einfluss auf Forstpraktiker*innen und die Implementierung von biodiversitätserhaltenden Maßnahmen. Daraus ergeben sich folgende Fragestellungen:

  • Wie wird Biodiversität und wie werden biodiversitätserhaltende Maßnahmen in den Storylines gesellschaftlicher Diskurse zu den aktuellen Herausforderungen des Waldes konstruiert?
  • Welche Machtverhältnisse und Legitimierungszuschreibungen lassen die verwendeten Storylines, Wissensordnungen und dominanten Akteure in den Diskursen erkennen?
  • Wie beeinflusst der aktuelle gesellschaftliche Diskurs lokale Forstpraktiken hinsichtlich des Erhalts von Biodiversität?

 

Im dritten PhD Projekt stehen die Akteurs-Netzwerke der mit der Implementierung von Biodiversitätsmaßnahmen betrauten Akteur*innen (insbesondere Forstpraktiker*innen des politisch-administrativen Systems) im Zentrum. Hier kommen der Weitergabe und Bewertung des Wissens eine zentrale Rolle zu. Folgende Fragestellungen sollen beantwortet werden:

  • Innerhalb welcher Netzwerke interagieren die mit der Implementierung von Biodiversitätsmaßnahmen betrauten Akteur*innen und durch welche Präferenzen, Machtressourcen und Interaktionen sind diese gekennzeichnet?
  • Wie und welche Form von Wissen erlangen die mit der Implementierung betrauten Akteur*innen durch das Netzwerk?
  • Welches Wissen erachten die mit der Implementierung betrauten Akteur*innen als relevant, glaubwürdig und legitimiert?

 

Ansatz, Methoden und Verknüpfungen

Zur Analyse der Bedeutung, Erlangung und Weitergabe von Wissen in der Implementierung von Biodiversitätsmaßnahmen werden verschiedene analytische Perspektiven sowie eine Kombination quantitativer und qualitativer Methoden gewählt. Im PhD Projekt 1 werden neben einer systematischen Literaturanalyse standardisierte Befragungen durchgeführt, um den Zusammenhang zwischen Naturschutzpraktiken und lokalen Wissens von Privatwaldbesitzer*innen zu untersuchen. Weiterhin dienen teilnehmende Beobachtungen und Gruppendiskussionen im Zusammenhang mit waldbaulichen Übungen auf experimentellen Waldversuchsflächen (Marteloskope) der Untersuchung der Entscheidungsfindung von Forstpraktiker*innen und Naturschützer*innen.

Im PhD Projekt 2 werden ausgehend von einer Medienanalyse zu den aktuellen Herausforderungen des Waldes (Trockenheit, Borkenkäferbefall) zentrale und dominante Storylines zur Biodiversität analysiert. Ergänzt wird die Medienanalyse durch eine Dokumentenanalyse der Positionspapiere von sowie qualitativer Interviews mit zentralen Akteur*innen die sich am Diskurs beteiligt haben. Durch qualitative Interviews mit Revierleiter*innen der ConFoBi Plots sowie Privatwaldbesitzer*innen, soll der Einfluss des Diskurses auf die Managementpraktiken der lokalen Forstpraktiker*innen untersucht werden.

Das dritte PhD Projekt innerhalb von C2 wird zur Beantwortung der Fragestellungen eine zweistufige Netzwerkanalyse durchführen. Der erste Schritt umfasst dabei semi-strukturierte Interviews mit 5-10 Akteur*innen, die mit Implementierungsmaßnahmen betraut sind (Forstpraktiker*innen des politisch-administrativen Systems) .In einem zweiten Schritt, werden diese durch quantitative online Befragungen ergänzt, um ein möglichst vollständiges Netzwerk der Implementierung biodiversitätserhaltender Maßnahmen abzubilden.

 

Ergebnisse

Die Ergebnisse von C2 verdeutlichen vor allem die Vielfältigkeit und Heterogenität des lokalen Wissens und dessen engen Zusammenhang zu Forstpraktiken. Dabei wird deutlich, dass Wissensformen von Akteur*innen unterschiedlich wahrgenommen und anerkannt werden. Bei der Entscheidungsfindung stützen sich Forstpraktiker*innen meist auf eine Kombination aus Faktenwissen, Intuition und Erfahrung. Während das lokale ökologische Wissen von Kleinprivatwaldbesitzer*innen auf informelle Wissensquellen und Wissensaustausch sowie heterogene waldbezogene Werte und Motive zurückzuführen ist, ist es bei professionellen Föster*innen maßgeblich durch ihre berufliche Sozialisation und den vorherrschenden, vergleichsweise homogenen Werten und Normen ihres institutionellen Kontextes geprägt. Allen gemeinsam ist die Fürsorge und das Verantwortungsgefühl für „ihren" Wald und ihr Interesse und Engagement für Waldnaturschutz. In Bezug auf den Erhalt von Biodiversität divergieren jedoch die Ansichten was als „schützenswert" erachtet wird.

 

Kommunikation

C2 ist aktiv am inter- und transdisziplinären Dialog beteiligt. Ergebnisse von C2 wurden bei einem Förster*innentreffen vorgestellt und diskutiert. Weiterhin wurden die Ergebnisse in Form eines Flyers [Link]  für die außerwissenschaftliche Kommunikation zusammengefasst. Im Februar 2020 haben Bettina Joa und Georg Winkel gemeinsam hauptverantwortlich die Konferenz „Governing and managing forests for multiple ecosystem services across the globe" in Bonn organisiert, bei der ConFoBi als offizieller Partner involviert war.